Rezension // Olga von Bernhard Schlink

Nachdem eine liebe Verlagsmitarbeiterin von Diogenes den Roman noch vor Erscheinung in allerhöchsten Tönen gelobt hat, musste ich es lesen. Vor allem aber war ich auch gespannt darauf ein zweites Werk von Bernhard Schlick (nach Der Vorleser) zu lesen. Enttäuscht wurde ich nicht – Olga war für mich ein tolles Debüt-Leseerlebnis im Jahr 2018.

Inhaltsangabe zu Olga

Die Protagonistin des Romans ist, wie sich unschwer am Buchtitel erkennen lässt, eine Frau namens Olga Rinke. Die Erzählung spielt im 19. Jahrhundert während der zwei Weltkriege über neun Jahrzehnte hinweg – von der Geburt bis zum Tod der primären Romanfigur. Alles beginnt mit der Jugendliebe der Waisin Olga und dem Sohn eines pommerschen Gutsherren Herbert. Die zwei Kinderfreunde treffen sich oft am Waldrand, um sich zu Lieben, zu Diskutieren, aber auch zum Lernen, denn Olga will um jeden Preis Lehrerin werden und büffelt hart für die Prüfung. Herbert hingegen strebt nach etwas Größerem, er liebt die Weite und verlässt Olga immer wieder wenn ihn das Fernweh packt.

„Sind Unendlichkeit und Ewigkeit dasselbe? Unendlichkeit bezieht sich auf Raum und Zeit und Ewigkeit nur auf Zeit. Aber geht beides auf die gleiche Weise über das hinaus, was wir haben?“ – Herbert zu Olga (Schlink 2018, S. 34)

Das Liebespaar, das von Herberts Eltern nie akzeptiert wird, erfährt bald eine herzzerreißende Trennung: Herbert bricht auf eine Expedition in die Arktis auf und Olga, die schon mehrmals von ihm während seiner vorherigen Reisen von ihm getrennt war, blieb nichts anderes übrig als ihm Briefe poste restante nach Tromsö (Norwegen) zu schicken.
1945 muss Olga in den Westen ziehen, hat mittlerweile ihr Gehör und ihren Job als Lehrerin verloren und arbeitet von nun an als Näherin in einer Familie. Dort lernt sie Ferdinand kennen, ein Junge, den sie fast wie einen Sohn behandelt. Auch als er bereits ein Student ist, hält der Junge noch Kontakt zu Olga. Eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen war dabei das Spazierengehen am Friedhof.

„Sie sollten zusammenliegen (die Soldaten, die Juden und die Bauern) und uns daran erinnern, dass wir gleich waren, im Tod wie im Leben. Der Tod verlor seinen Schrecken, wenn er nicht der grausame Gleichmacher nach einem Leben der Unterschiede, der Bevorzugungen und der Benachteiligungen war, sondern nur das Leben fortsetzte, in dem wir einander gleich waren.“ (ebd, S. 146)

Im dritten Teil von Olga können wir die Briefe nachlesen, die Olga ihrem Herbert nach Norwegen schickt, der dort verschollen scheint und ein weiteres Geheimnis wird gelüftet…

Meine Gedanken zum Roman

Wie schön waren die Briefe! Nachdem der Einstieg in den Roman doch etwas holprig und wenig fesselnd für mich war, nahm die Erzählung gegen Ende des ersten Teils mit der Auflösung des Erzählers an Fahrt auf. Ferdinand schildert uns das Leben von Olga in recht nüchterndem Ton, weshalb das Mitgefühl anfangs ausbleiben mag. Außerdem werden einige geschichtliche Ereignisse rund um Bismarck, die Weimarer Republik und die Nazizeit angeschnitten, aber nicht vertieft – die Geschichte spielt eher eine sekundäre Rolle. Es geht vor allem darum, was die Zeit mit den Figuren macht: Herbert ist die Analogie zum Größenwahn von Deutschland damals und Olga eine wahre Kämpferin. Nach der Lektüre sollte man sich ein bisschen Zeit nehmen, um über den Roman nachzudenken, genauso lohnt sich eine weiterführende Recherche zum Roman.

Lieblingszitate aus dem Roman Olga

„Ach, Kind, nicht die Eigenschaften machen, dass zwei zusammenpassen, die Liebe macht’s.“ (ebd., S. 151)

„Geschichte ist nicht die Vergangenheit, wie sie wirklich war. Es ist die Gestalt die wir ihr geben.“ (ebd., S. 211)

„Ich höre vom Phantomschmerz, den die Soldaten haben, denen ein Arm oder ein Bein abgenommen wurde. Sie sind weg, der Arm oder das Bein, aber sie tun weh, als seien sie noch da. Du bist weg, aber du tust weh, als seist Du noch da.“ (ebd., S. 295)

Zum Autor Bernhard Schlink

Bernhard Schlink, geboren 1944 bei Bielefeld, ist Jurist und lebt in Berlin und New York. Der 1995 erschienene Roman ›Der Vorleser‹, 2009 von Stephen Daldry unter dem Titel ›The Reader‹ verfilmt, in über 50 Sprachen übersetzt und mit nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet, begründete seinen schriftstellerischen Weltruhm. (Biografie lt. Diogenes-Website)

Weitere Besprechungen zu Olga

Spiegel I FAZ I Abendblatt I NDR I Deutschlandfunk

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Diogenes Verlag zur Verfügung gestellt.

Hier geht’s zum Buch.

Buchsendung mit TirolTV und der Wagnersch’en Buchhandlung Innsbruck.

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