Buchclub // Leserunde zu Giovannis Zimmer von James Baldwin

Mit Beginn des Jahres sind einige neue Mitglieder zum Buchclub dazugestoßen und wir sind mit einem umwerfenden Roman zum Thema LGBTQ in das Lesejahr 2021 gestartet. Es haben rege Diskussionen in der Facebookgruppe und in den Instagram-Chats stattgefunden und wir waren uns einig: Dieser Roman ist intensiv! Du möchtest auch im Buchclub dabei sein? Dann schreib mir gerne auf Instagram eine kurze Nachricht.

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Inhaltsangabe zu Giovannis Zimmer von James Baldwin

„Viel ist über die Liebe geschrieben worden, die in Hass umschlägt, über das Herz, das kalt wird, wenn die Liebe stirbt.“ (Baldwin 2020, S. 179).

David trägt seit seiner ersten intimen Erfahrung mit einem Jugendfreund einen innerlichen Konflikt mit sich herum, der für ihn unlösbar scheint. Als erwachsener Mann ist er mit Hella zusammen, die gerade alleine durch Spanien reist, während er sich in Paris in diversen Bars herumtreibt. In einer dieser Bars trifft er den Barkeeper Giovanni mit dem er sich in einem kleinen Zimmer komplett verliert. Giovanni steckt alle seine Hoffnungen in diese Liebesbeziehung, um am Ende noch tiefer zu fallen, als er es für möglich hielt. Denn Hella kommt zurück nach Paris und David ist noch immer nicht in der Lage sich seinen Gefühlen zu stellen. 

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Meine Gedanken zum Roman

Die Leseerfahrung wurde von den Buchclub-Mitgliedern als düster, beklemmend, traurig und intensiv beschreiben. Die Erzählung, die im Paris der Fünfzigerjahre spielt, überraschte mit einer Modernität, nicht zuletzt durch die Neuübersetzung von Miriam Mandelkow. Gemeinsam sind wir zum Schluss gekommen, dass es eine Geschichte über Egoismus, Selbstfindung, Emanzipation und Abhängigkeiten ist. Die Süddeutsche Zeitung beschreibt in einem Artikel, dass der Roman nach Erscheinen im Jahr 1956 zum wichtigsten schwulen Klassiker der amerikanisch-europäischen Literatur avancierte. Völlig zurecht, wie ich finde. 

Mich hat vor allem die Sprache überzeugt – ein klares Indiz dafür sind (wieder einmal) die zahlreichen Markierungen meinerseits im Buch. So viele schöne Zitate. Die eingeschobenen Sätze auf Französisch haben dem Roman zusätzlichen Charme verliehen. Was mir außerdem aufgefallen ist – und hier gehe ich schon etwas in die Tiefe – war, dass ich lange nicht wusste wie der Protagonist heißt. Der Name fällt erst nach über der Hälfte der Seiten das erste Mal. Hängen geblieben bin ich bei einigen Stellen in denen die Rolle der Frau beschrieben wird. Passagen wie „Ach, diese absurden Weibsbilder heutzutage mit ihren Flausen und dem ganzen Unsinn, dass sie Männern ebenbürtig seien – quelle rigolade -, die gehören windelweich geprügelt, damit sie begreifen, wer die Welt regiert.“ (ebd., S. 92) haben mir noch einmal vor Augen geführt in welcher Zeit der Roman spielt (und geschrieben wurde) und dass wir hier schon einen großen Schritt weiter gekommen sind in Sachen Emanzipation. Dennoch ist Giovannis Zimmer ein Emanzipationsroman, wie wir in der Abschlussdiskussion festgestellt haben, denn die einzige Figur, die sich am Ende emanzipiert, (endlich!) eine Entscheidung trifft und ins Tun kommt, ist Hella, die Verlobte von David.

Zum Ende – es ist wie so oft ein offenes Ende – habe ich mich wie folgt geäußert: „Und schon wieder fliegt irgendetwas durch die Luft und der Wind trägt es davon“. Das Bild kennen wir von vielen Romanen, oder?

Zitate aus Giovannis Zimmer von James Baldwin

„Doch leider können sich Menschen ihren Ankerplatz, ihre Liebhaber und ihre Freunde ebenso wenig aussuchen wie ihre Eltern. Das Leben gibt sie und nimmt sie, und die Schwierigkeit liegt darin, zum Leben Ja zu sagen.“

Baldwin 2020, S. 11

„Und doch – wenn man anfängt, nach dem maßgeblichen, dem entscheidenden Augenblick zu suchen, dem Augenblick, der alles veränderte, schlägt man sich unversehens unter großen Schmerzen durch ein Labyrinth falscher Signale und zufallender Türen.“

ebd., S. 17

„[…] eine echte Entscheidung macht demütig, man weiß, dass sie von vielen Einflüssen abhängt, die man gar nicht alle benennen kann -, sondern ausgeklügelte Systeme der Ausflucht, der Illusion, die dazu dienen, sich selbst und die Welt als das erscheinen zu lassen, was sie und die Welt nicht sind.“

ebd., S. 28

„Hätte ich auch nur die leiseste Ahnung gehabt, dass das Ich, das ich finden würde, sich als dasselbe Ich entpuppen würde, vor dem ich so lange weggelaufen war, ich glaube, ich wäre zu Hause geblieben.“

ebd., S. 29

„Es gibt so viele Möglichkeiten, verachtenswert zu sein, da kann einem ganz schwindlig werden. Aber wirklich verachtenswert ist man, wenn man den Schmerz eines anderen geringschätzt.“

ebd. S. 66

„’Wenn du lange genug auf Nummer sicher gehst […] bist du am Ende in deinem schmutzigen Körper gefangen, auf immer, immer und ewig – wie ich.’“

ebd. S. 68

„‚Irgendjemand‘, sagte Jacques, ‚dein Vater oder meiner, hätte uns erzählen sollen, dass nicht viele Menschen jemals an Liebe gestorben sind. Aber Massen sind zugrunde gegangen – gehen stündlich zugrunde, und noch dazu an den seltsamsten Orten! – aus Mangel an Liebe.“

ebd., S. 69

„Während jede Faser in mir Nein! schrie, seufzte doch alles zusammen Ja.“ 

ebd., S. 76

„Immer wieder küsste ich sie und umarmte sie, versuchte, wieder in sie hineinzufinden, als wäre sie ein vertrautes halbdunkles Zimmer, in dem ich nach dem Lichtschalter tastete.“

ebd., S. 138

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