Buchclub // Interview mit Benedict Wells über Hard Land

Ich bin was Benedict Wells angeht ein absolutes Fangirl! Sein Roman Vom Ende der Einsamkeit ist nach wie vor eines meiner absoluten Lieblingsbücher (hier geht’s zur Rezension) voll von wunderschönen Sätzen (zur Zitatesammlung). Und dann hat mir der Diogenes Verlag zum Erscheinen seines neuen Romanes Hard Land einen ultimativen Fangirl-Moment beschert: Ich durfte als ausgewählte Bloggerin dem Autor einige Interviewfragen schicken. Und er hat geantwortet, er hat so wunderbar geantwortet. Lest selbst.

*Dieser Beitrag enthält Affiliate-Links. 

Meine Meinung zu Hard Land von Benedict Wells

Dieser Roman funktioniert anders als Wells‘ Vorgängerromane, das hat sich vor allem in der Buchclub-Diskussion nochmal gezeigt. Hard Land ist ein Coming-of-Age-Roman par excellence, der mit Sicherheit in die Kinos kommt und das macht ihn auch so besonders: er funktioniert über die transportierten Bilder und weniger (wie wir es von Vom Ende der Einsamkeit kennen) über die vielschichtigen Sätze. Und dieser Sommer, den der fünfzehnjährige Sam erlebt, dieser Sommer! Ich wünsche jedem so einen Sommer. Da lag für mich das größte Identifikationspotential. Ich habe auch so einen Sommer erlebt, in dem ich in einer Gruppe so richtig viel Blödsinn gemacht habe und ganz schnell erwachsen werden wollte. Dabei hat mich immer das Gefühl – wie Wells mit einem Neologismus ausdrückt – der Euphancholie (Mischung aus Euphorie und Melancholie) begleitet. Dieser Begriff beschreibt für mich perfekt wie schwer es manchmal auch ist einen Moment zu genießen, in der Gegenwart zu leben. Das sollten wir alle viel mehr tun!

Hier geht’s zum Buch.

Interview mit Benedict Wells zu seinem Coming-of-Age-Roman

Zum Hintergrund: Ich habe die Fragen an den Autor nach der gemeinsamen Lektüre im Buchclub formuliert und um einige von den Mitgliedern ergänzt. Es sind Fragen zum Schreiben allgemein, zu seinem Megaseller Vom Ende der Einsamkeit sowie inhaltliche Fragen zu Hard Land. Wenn ihr den Roman noch nicht gelesen habt, dann empfehle ich euch das Interview erst danach zu lesen. Auch wenn ihr hier keine Spoiler zu erwarten habt.

Kannst du die ersten dreißig Nachkommastellen der Zahl Pi auch auswendig?

Ich antworte mal aus dem Kopf: 3,141592… das war’s! Mathe war nie meine Stärke. Kopfrechnen fiel mir immer leicht, doch als auch die Buchstaben dazukamen, hatte ich jahrelang eine fünf im Zeugnis, in Analysis sogar mit Tendenz zur sechs. Erst analytische Geometrie hatte mich dann im Abitur gerettet. 

Ist der erste Satz deiner Romane (Kurzgeschichten) immer zuerst da? 

Nein, nicht immer. Diesmal schon, weil ich wusste, dass das Thema „erste Sätze“ im Buch eine Rolle spielen wird. Aber der Anfang von Vom Ende der Einsamkeit: „Ich kannte den Tod schon lange, doch jetzt kennt der Tod auch mich“ kam zum Beispiel erst später. Ebenso der aus Spinner: „Ich habe diese eiskalten Hände.“

Denkst du dir manchmal beim Schreiben, dass dieser eine Satz, den du gerade geschrieben hast, perfekt ist und vielleicht von vielen Leser*innen unterstrichen werden könnte? (Du weißt, ich liebe Zitate und es gibt diese Zitatesammlung zu Vom Ende der Einsamkeit, einer meiner erfolgreichsten Blogbeiträge ever)

Ich habe nie das Gefühl, dass etwas perfekt ist und hadere noch immer mit vielen Punkten aus den Büchern. Etwa mit der etwas sperrigen ersten Hälfte aus „Hard Land“ oder manchen Stellen und Dialogen. Aber bei ein paar Sätzen habe ich zumindest das Gefühl, das ausgedrückt zu haben, was ich erzählen wollte, und das ist eigentlich immer das Schönste beim Schreiben. In Hard Land zum Beispiel die Begründung des Inspectors, wieso man sich nach einem Tod so oft die Schuld gibt. Aber bei Deinem Blogeintrag war ich ganz erstaunt, was Du teilweise herausgepickt hast – und glücklich, dass Dir diese Stellen so gefallen haben. Vielen Dank dafür. 

Hast du einen hohen Erwartungsdruck beim Schreiben von Hard Land gespürt?

Überhaupt nicht, da war ich jahrelang nur in der Welt des Buchs, im Sommer 1985 in Grady, Missouri. Erst, als das Manuskript abgegeben und die Vorschau gedruckt war, kam auch der Druck. Das kann dann zugegeben schon einschüchternd sein, ebenso, wenn das Buch plötzlich auf Platz 1 in die Bestsellerliste einsteigt. Ich habe persönlich zum Beispiel oft selbst Respekt und auch Befremden vor einem Hype und verstehe deshalb gut, wenn es anderen mit mir genauso geht. Ich sehe oft eher die Schwächen meiner Texte als ihr Stärken, und schreibe ja wie gesagt auch nichts Perfektes. Deshalb erstaunt es mich schon, wie es in den letzten Jahren lief, da bin ich ehrlich gesagt immer noch nicht richtig hineingewachsen. Wichtig ist für mich einfach, dass ich jahrelang alles für das jeweilige Geschichte getan habe, was ich konnte. 

Woher kam die Inspiration für das „Drei-Schichten-Modell“? Wie würdest du dich in dem Modell einordnen?

Die Idee hatte ich schon vor Ewigkeiten, woher genau, weiß ich gar nicht. Um ein Haar wäre das Modell aber schon in Vom Ende der Einsamkeit gekommen, als Erfindung von Marty. Ich habe es dann rausgenommen, weil ich das Buch weiter kürzen und verdichten wollte und es auch nicht ganz zu Marty passte. Aber aus Camerons Mund war es perfekt. Und ich selbst wäre eindeutig: Warm-Kalt-Warm. 

Sind die Bücher, Filme und Lieder, die im Buch vorkommen auch deine persönlichen Lieblingsbücher, -filme, -lieder?

Nicht immer. Ich mag zum Beispiel Nick Drake sehr gern, bin aber nicht so ein Hardcore-Fan wie Jules und Alva. Ebenso musste ich eher lächeln, dass Sam Huey Lewis & The News so feiert. Aber bei den in den verschiedenen Büchern erwähnten Springsteen, Strokes, Arcade Fire oder Dylan gehe ich dafür wieder voll mit. 

War eine deiner Motivationen Hard Land zu schreiben, erstmals eigene Lyrik zu veröffentlichen?

Im Gegenteil: Ich wusste recht früh, noch bevor ich eine Zeile geschrieben hatte, dass es ein Gedicht im Ort geben würde, das Hard Land heißt und eine größere Rolle spielt. Und als mir das dämmerte, dachte ich nur: „O Gott … Mist!“ Ich hatte im Deutsch-Leistungskurs nämlich nur drei Punkte in Lyrik, eine absolute Schwachstelle. Ich habe dann viel Walt Whitman und andere DichterInnen der damaligen Zeit gelesen, und das Verblüffende für mich ist, dass durch die Augen von Charakteren fast alles leichter wird. Ob ein Gedicht wie hier im Buch oder auch Songtexte wie in Becks letzter Sommer. Ich selbst kann keine Lyrics für Lieder schreiben, die Figur Rauli dagegen schon. Er lieh mir für das Buch sein Talent. 

Gibt es eine „versteckte Botschaft“ oder eine Interpretationsmöglichkeit von Hard Land für die wir eine 1 bekommen würden?

Ein sehr wichtiger Punkt beim Schreiben des Buchs war für mich der Umgang mit Klischees. Ein geliebter Film wie Breakfast Club zum Beispiel schildert weder die raue Wirklichkeit der Reagan-Jahre, noch ist er überraschend. Es sind im Grunde fünf klischeehafte Charaktere, die dann auf die klischeehafteste und vorhersehbarste Weise gebrochen wurden. Der Rebell ist in Wahrheit unsicher, die Schöne gar nicht so oberflächlich wie gedacht, usw. Am Ende dann auch noch zwei Liebes-Happy-Ends, von denen mindestens eines wirklich forciert ist. Wo also liegt da der Zauber? In der Art, wie mit diesen Klischees umgegangen wird. Denn das ist für mich das wahre Geheimnis: dass es ja nur in den Augen Erwachsener solche tausendmal gesehenen Klischees sind. In den Augen von Jugendlichen dagegen sind es magische erste Male, einzigartig. Und weil John Hughes, der Regisseur und Drehbuchautor, das wusste, hat er sich getraut, das wie in all seinen 80s-Filmen voll durchzuziehen. Er hat sich nie durch Ironie und routinierte Distanz über seine jugendlichen Figuren erhoben, sondern blieb immer auf Augenhöhe mit ihnen, er staunt und leidet mit ihnen und hat das, wo wir normalerweise wissend abwinken, in all seiner großartigen Banalität zelebriert als wäre es das erste Mal. Dieser Film ist für mich also nicht trotz seiner vermeintlichen Klischees so stark, sondern deswegen. Ähnliches habe ich in meinem Buch zumindest versucht, vor allem in den ersten vier Teilen (am Ende wollte ich es auch etwas dekonstruieren). Ich habe mich gezwungen, mich das zu trauen – und hatte natürlich Schiss, dass man das auch sehr leicht falsch verstehen könnte oder diesen Ansatz eben schlicht nicht mag. Was alles auch völlig legitim ist. Aber ein paar Mal wurde das Buch in diesem Versuch erkannt, etwa im Blog „Aufklappen“, und das hat mich wahnsinnig gefreut. 

Wie oft hast du das Manuskript überarbeitet? Stand der komplette Plot mit der Rohfassung bereits?

Ja, der Plot stand, aber das Feilen hat viele Jahre gedauert. Das Festival am See habe ich sicher fünfzig Mal überarbeitet. Die größte Schwierigkeit war die erste Hälfte. Da musste ich kaschieren, dass ich gleich sieben Figuren einführe, dazu den Ort und die damalige Zeit. Die Hoffnung war dann immer, so nach hundert Seiten davon zu profitieren. Dass ich dann vom „Tell“ nur noch ins „Show“ wechsele. Auch die Sprache wandelt sich. Anfangs ist sie salopp, kurze Sätze, eher pointiert. Hinten heraus dann fließender, lakonischer, weil Sam dann reifer und erwachsener ist und deshalb auch anders erzählt. 

Hast du eine tägliche (Schreib-)routine?

Wenn ich eine erste Fassung schreibe, sitze ich schon mal wochenlang jeden Tag sechzehn Stunden am Text. Das Überarbeiten dagegen ist vielfältiger, da trödele ich oft tagsüber, bevor ich mich dann nachts an den Text setze. Das ist schon deshalb eine gute Zeit, weil die anderen schlafen, keine Mails und News mehr reinkommen: man ist allein mit der Geschichte, eine Art verlassener Highway: da kann man Strecke machen. Aber genauso ist es auch gut, mal nicht zu schreiben, das Unterbewusstsein arbeiten zu lassen. Gefühlt lebe ich jahrelang mit den Figuren, und es ist erstaunlich, was sie einem plötzlich über sich erzählen, während man gerade im Zug sitzt und eigentlich an etwas ganz anderes denkt. 

Welches deiner bisherigen Bücher hast du am liebsten geschrieben?

Hard Land. Eindeutig. Diese Welt, dieser Sommer, diese Charaktere, an denen ich so hing. Vor allem die zweite Hälfte war das größte Glück, das ich bisher beim Schreiben hatte, das kam fast wie aus einem Guss, da musste ich kaum mehr etwas verändern. Ich glaube, viel schöner wird es nicht mehr. 

Worauf dürfen wir uns als nächstes von dir freuen?

Kurzgeschichten, da habe ich auch schon einige Ideen. Bei Romanen dagegen plane ich, erst mal eine Pause zu machen. Ich habe in den letzten achtzehn Jahren fast alles dem Schreiben untergeordnet, ich möchte schauen, was es sonst noch im Leben gibt. Ich werde diesen Sommer an einer Universität unterrichten, überlege zudem, auch selbst etwas zu studieren, und habe noch ein paar andere Ideen. Und ich möchte mich als Autor herausfordern, auch offen für andere Genres und Neues sein. Wenn ich mich dann irgendwann mal wieder an einen richtigen Roman setze, möchte ich etwas anderes machen als zuletzt und mich überraschen. Ob das klappt, weiß ich natürlich nicht, vielleicht schreibe ich am Ende auch die Fortsetzung zu „Becks letzter Sommer“ um die Figur Rauli. Aber egal, was ich mache: Ich möchte nicht pflichtschuldig schreiben, weil es alle von mir erwarten, sondern mit voller Leidenschaft.

Vielen Dank an dich Benedict, für die Beantwortung der Fragen. Und vielen Dank an den Diogenes Verlag für die Möglichkeit. Love you!

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