Rezension // Das Licht ist hier viel heller von Mareike Fallwickl

„Es ist so böse, so pointiert, so… messerscharf. Die Lektüre dieses Buches fühlt sich ein bisschen verboten an, ungemütlich, aufklärend und absolut hinreißend zugleich.“ – Evelyn Unterfrauner, Book Broker

Die Frau kann schreiben, aber wie! Das hat sie bereits mit ihrem Debüt Dunkelgrün fast schwarz bewiesen (ich habe das Buch gefühlt 100 Mal weiterempfohlen, hier geht‘s zur Rezension). Entsprechend groß war meine Vorfreude auf das zweite Buch von Mareike Fallwickl, und ich bin begeistert.

Inhaltsangabe zu Das Licht ist hier viel heller von Mareike Fallwickl

Wir lesen von Maximilian Wenger in der dritten Person. Er ist Schriftsteller, über 50, frisch geschieden und googelt sich gern selbst. Die besten Jahre liegen hinter ihm, denn seine letzten Veröffentlichungen waren alle ein Flop, seine Ex-Frau hat sich einen jüngeren Partner geschnappt und seine pubertierenden Kinder sind nur noch genervt von ihm. Zu allem Überfluss kriegt er weder einen hoch, noch kommt er zum Schreiben. Er ist auf ganzer Linie blockiert. Er wohnt allein in einem kleinen Apartment – der Vormieter ist ihm unbekannt, doch liest er seine Briefe. Sprachlich umwerfende Briefe einer Frau (Marlen), die ihren Frust von sich losschreibt. Zwischendurch lesen wir die Kapitel Wengers Tochter Zoey (eigentlich Chloé) aus der Ich-Perspektive. Sie entdeckt die Briefe bei einem Besuch und lässt sie mitgehen. Sie fühlt sich in den Brieftexten verstanden und teilt eine Erfahrung mit der Verfasserin, die sie lieber nicht gemacht hätte. Wenger hingegen hat ganz andere Pläne mit den Briefen.

Meine Gedanken zum Roman Das Licht ist hier viel heller

Das Buch ist böse und sprachlich typisch vulgär, weil es sich bewusst verschiedener Klischees bedient, but it‘s part of the game. Da wäre Wengers Ex-Frau Patrizia oder Trixie, sie ist oberflächlich, eine Influencerin und Teil der Schickeria Salzburgs, sie ist sich selbst total wichtig und möchte am liebsten so ein Mutter-Tochter-Ding durchziehen. Ihr Toyboy Reto ist Fitnesstrainer und ernährt sich ausschließlich vegan, weil healthy und so. Und dann werden noch die #Bookstagrammer erwähnt, die kommen wirklich nicht gut weg. Ich musste tatsächlich lachen bei diesen Stellen, da sie so herrlich selbstironisch sind. Die Autorin, wohlgemerkt, gehört selbst zu den ominösen #Bookstagrammern.

„Die Praktikantin hat schwarze Haare und einen fetten Arsch. Sie ist zwanzig und sehr blass, mit nerdiger Rundbrille. Wahrscheinlich hat sie einen Buchblog und fotografiert dafür Jojo-Moyes-Romane mit Heißgetränken.“ (S. 92)

„[…] denn die Blogger haben Maximilian noch nie gemocht. Als sie aus dem Boden schossen […], in den beginnenden 2010er-Jahren, war sein Stern bereits am Sinken, und dass er unterging, dazu haben sie beigetragen. Die Betreiberinnen dieser virtuellen Tagebücher mit Namen wie Sandra‘s Bücherstube, der Deppenapostroph war anscheinend zwingend, Nordeule oder Regenbogenleserin konnten mit seinen Romanen nichts anfangen […]. Sie tippten den Klappentext ab, weil sie unfähig waren, den Inhalt eigenständig wiederzugeben, kotzten sich dann aus über das Buch. […] und da konnte Wenger die giftigen Feuilletonisten zum ersten Mal verstehen.“ (S. 305)

Das Buch ist pointiert, weil es manche Szenen aus dem echten Leben greift, die so authentisch nicht besser in Worte gefasst werden könnten.

„Das Leben zwingt uns, Missverständnisse umzuwandeln in Möglichkeiten, Verwundungen als Herausforderung zu sehen, die wir gemeistert haben, die wir überlebt haben. Obwohl sie das nicht waren, obwohl wir geblutet haben wie auf der Schlachtbank. ‚Es ist besser so‘, sagen wir, ‚es hat schon seine Richtigkeit‘, sagen wir, ‚wer weiß, wofür es gut war‘. So reden wir, wenn etwas in uns zerbrochen wird für immer, wir lächeln dabei, und sähe jemand genau hin, könnte er das Schwert erkennen, das wir geschluckt haben.“ (S. 246)

Das Buch ist messerscharf, weil es weh tut über die Gedanken und Kommentare von Wenger zu schmunzeln (dieser Charakter ist so unglaublich gut beschrieben) und gleichzeitig über Opfer von sexuellem Missbrauch zu lesen. Achtung Spoiler! Der Wenger überwindet seine Schreibblockade und bringt das Thema u.a. im neuen Roman ein.

Das Buch ist aber nicht nur unterhaltend, es ist vor allem eines: aufklärend. Mit Fakten zum Thema des sexuellen Missbrauchs bei Frauen, eingebettet in fiktiven Schilderungen aus Opfer-Sicht, wird es zu einem #metoo Roman. Demütig habe ich Das Licht ist hier viel heller beendet und es hallt noch lange nach.

Weitere Besprechungen: 

Bücherkaffee I Leseschatz I Salzburger Nachrichten

Der Roman wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

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3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Hauke Harder sagt:

    Moin und vielen Dank für die nette Verlinkung!
    Herzliche Grüße, Hauke

    Liken

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